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DIEPRESSE, 9.1.2010
Zehen mit Salz bestreuen
Essay von Siegmund Kleinl, 11.2009
Sein oder Design – das ist hier die Antwort
Zu Peter Wagners Roman Die Burgenbürger
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Pressestimmen 

Die Burgenbürger

Die Presse / 9. Jänner 2010 

ZEHEN MIT SALZ BESTREUEN

Peter Wagner, Unruhestifter im östlichsten Bundesland, legt eine aberwitzige, parabelhafte Märchensammlung über die Bewohner dieses Landstrichs vor. „Die Burgenbürger“: grell, skurril, grotesk.

Bekanntlich ist die Frage, ob etwas eine Komödie oder eine Tragödie sei, nicht immer eindeutig zu entscheiden. Die Schwierigkeit, in der Tragödie nicht die Komödie und in dieser nicht jene zu sehen, ist zumal in jenem schmalen Streifen Welt, der seit beinahe 90 Jahren auf den Namen Burgenland hört, oft aufs Äußerste zugespitzt. Dabei muss man gar nicht an den „Fall Eberau“ denken. Man muss bloß gelegentlich die Tagesnachrichten des Landesrundfunks im Internet überfliegen, um sich mit einem weinenden und einem lachenden Auge zu sagen, dass es dergleichen nur im Burgenland geben könne – die Geschichten ebenso wie die Benachrichtigungen darüber.

Peter Wagner, dessen Theaterstücke und Hörspiele die Grenzen dieses schmalen Streifens Land oft überschritten haben, wurde 1956 in Wolfau geboren, verbrachte die ersten Lebensjahre in der zweisprachigen (deutsch-ungarisch) Gemeinde Unterwart. 1962 übersiedelte die Familie nach Oberwart. Über fünf Jahrzehnte lebt er nun dort, wo er seine Welt vor Augen und Ohren hat. Und weil er dort, wo er lebt, nicht nur sein will, sondern der sein will, der er ist und geworden ist, hat ihm das über die Jahre viel Feindschaft eingetragen – nicht nur von den rechten und braunen Kulturkämpfern. Der Erzählband „Aktion am Drulitschweg“, mit dem er 1981 debütierte, sollte lange die einzige Prosa des notorischen Störenfrieds bleiben, der sich fortan an das Theater und das Hörspiel, an die Regie, den Film und die Musik hielt.


Beinahe drei Jahrzehnte später liegt ein dickes Buch mit 21 sogenannten Märchen vor, in dem Wagner seine beiden Helden, Onkel Fred und Pinz Joe, die alles andere als Helden sind, ins „Große Buch der Burgenbürger“, ins „Bubülabu“, einsteigen lässt. Pinz Joe war schon Volksschuldirektor, Bürgermeister, Obmann des Roten-Fahnenschwinger-Klubs, nun will er tatsächlich etwas werden – der Prinz der Burgenbürger! Dazu fehlt ihm allerdings das Entscheidende: ein R, das R, die Farbe des Landes und des Weins, die ihm im Gesicht wie Herzen fehlen.

Ähnlich wie Alice im Wunderland


Onkel Fred, alt, gebrechlich, neugierig und ziemlich weise, nachdenklich, melancholisch und dann wieder jugendlich schelmisch, soll ihm dabei helfen. Gemeinsam mit dem Kater Bruno steigen die beiden in das riesige Buch und gelangen – ähnlich wie Alice, die durch einen Spiegel in ein anderes Land schreitet – ins Burgenbürgerland, das mitunter auch ein Wunderland ist, im Guten wie im Schlechten.


Gewiss kann man diese Geschichte als Abrechnung mit der verlotterten Sozialdemokratie lesen, als Hohn über die Technokraten und Karrieristen, die sich dem Kapitalismus nicht nur ergeben, sondern ohne Wenn und Aber verschrieben haben. Man kann auch eine gewisse Wehmut über den Verlust, vielleicht gar eine Verklärung vergangener Proponenten dieser Partei finden, denen Antifaschismus und soziale Gerechtigkeit nicht bloß Floskeln für Sonntags- und Wahlkampfreden waren. All das ließe sich aber anders und kürzer sagen; vor allem verfehlte es den Kern dieser wundersamen Reise, in der uns nicht nur Joseph Haydn, Franz Liszt oder der heilige Martin begegnen.


Es sind Phänotypen, die Wagner durch die Geschichte stolpern und torkeln lässt, mit vollen Bäuchen und leuchtenden Nasen, in jeder Zeit im falschen Kostüm, stets verdächtig, oft verlacht, bisweilen bestaunt, von der Steinzeit über das Mittelalter, vom Marsch der Türken auf Wien über den Ausbruch nationalistischer Gefühle bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Da ist einer, der nichts spürt, nichts sieht, nichts hört, der mit den Verhältnissen immer einverstanden ist, die Teilungen in „Oben“ und „Unten“ gutheißt, solange er nur zum Oben gehören könnte, zu denen, die etwas zu sagen, repräsentieren oder entscheiden haben; und wenn er aufmuckt, tut er es in sich. Und dann ist da einer, der läppisch und tollpatschig wirkt, schon, weil seine Nase so groß ist, den die Wut über unhaltbare Zustände überkommt, der stets einen Schritt zurücktreten will, um zu überlegen, während er doch am liebsten mitmischen würde, um für andere Verhältnisse zu kämpfen.


Allein, sie befinden sich in der Geschichte. Zwar wird die immer neu und anders und den jeweiligen Anforderungen der Zeit entsprechend geschrieben, bloß die Tatsachen und deren Wirkungen lassen sich nicht ungeschehen machen. Obwohl Pinz Joe den Kreisverkehr oder die Dampflokomotive avant la lettre erfindet (eigentlich ist es Seelchen, die Dritte im Bunde, die
Unerlöste, die über die Zeiten hinweg stets in anderer Gestalt auftritt, um schließlich
in der Vereinigung Pinz Joe mit ihrem Blut das fehlende R zu geben), obwohl Onkel Fred den Gruß „Freundschaft“ in die Welt bringt, bleibt es immer beim Beinahe. Wo der eine gern eingreifen, um den Verlauf der schlechten Geschichte zu ändern, und der andere am liebsten glänzen würde, bleiben sie Reisende, Zaungäste, die höchstens mitspielen dürfen, jedoch nichts bewerkstelligen können, selbst wenn Joe anscheinend Riesenschlachten verhindert.
Nur am Ende, das mit einem Doppelpunkt schließt, besteht die Möglichkeit, dass Onkel Fred, indem er absichtlich beim Kartenspiel verlöre, die Geschichte ab 1921 radikal veränderte, den Nationalsozialismus abwehrte, die Shoah, Hiroshima und den sogenannt real existierenden Sozialismus gleich dazu. Dafür müsste er allerdings den Worten eines ungarischen Weißgardisten und Antisemiten vertrauen, der ihn kurz davor noch auf eine Bank gefesselt und die Zehen mit Salz bestreut hat, um eine Ziege daran lecken zu lassen, was Fred und das Publikum fürchterlich lachen ließ.

Vergnügungssucht der Menschen


All das ist äußerst witzig und in grellen Bildern erzählt, in die bisweilen ein Blitz fährt, der für einen Moment so etwas wie Wahrheit durchscheinen lässt. Da ist etwa Toni, ein armer Kerl in schlimmen Zeiten, dem auf einer Bühne vor versammelter Menge zuerst von einem katholischen, dann von einem protestantischen Geistlichen und schließlich vom Fürsten die letzten Groschen aus der zerlumpten Jacke gezogen werden; allerdings wird er von Gauklern zum Narren gehalten, die in Kostüme schlüpfen, um sich an der Dummheit und Vergnügungssucht der Menschen gütlich zu tun. Am Ende darf Toni durch einen Spiegel treten und zum Pudel werden, der ein besseres Leben hat als ein Tölpel auf armem Land. Fortan streunt er mit Fred und Joe, Seelchen und dem Kater Bruno durch die Zeiten und pinkelt immer wieder an feine Beine.


Im Parforceritt durch die Zeiten (und während des Flugs mit der Gans Erika) destilliert sich vielleicht das heraus, weswegen Pinz Joe die Reise auch angetreten hat: die Identität der Burgenbürger, eine Nichtidentität. Sie will er ergründen, um diese dereinst besser regieren zu können. Es ist ein kleines Land, durch das die Römer ziehen, die Heere der Hunnen und Germanen, Awaren und Magyaren, Türken und Habsburger. Da leben Deutsche und Ungarn, Kroaten, Roma und Juden – aber alle sind doch immer auch und in erster Linie Burgenbürger, Grenzgestalten, wenig eindeutig, alles andere als identisch. Vereint werden sie von der Melancholie der Ebene, vom Ausbruch im Rausch, vom Gefühl, sich in einem Moment für einen Weltmeister zu halten und im nächsten schon wieder den Kopf einziehen zu müssen, wie es der Vater und die Mutter und deren Väter und Mütter getan haben.


Fred und Joe entdecken den Schwellenmenschen, den „Homo suellensis Pannoniae“, Nachfolger auch jener Grenzwächter aus dem Märchen, die zwei Gesichter besitzen, wobei das eine nach Osten, das andere nach Westen schaut – und spuckt. Onkel Fred erkennt in all dem die Vergeblichkeit menschlichen Tuns, an das er doch glaubt. „Und Fred sagte, betrachtest du es von Osten, ist es der Saum der Alpen. Siehst du es von Westen, ist es der Tellerrand der großen Ebene. Oben und unten je eine Pforte, die Donau im Norden, die Raab da unten im Süden. Alles dazwischen ist barer Übergang, von einem ins andere, vom anderen ins eine. Das ist die Zwischenwelt schlechthin.“


Am stärksten ist Peter Wagner, wenn er das Phänotypische grotesk überspitzt. Sieben Burgen müssen passiert werden, um zum Tyrannen Henz vorzudringen. Er thront auf einem rollbaren Podest, unendlich groß und wahnsinnig gefräßig; was immer ihm das Volk darbringt, von Kutschen über Weinfässer bis zu den Kindern, er verschlingt alles mit einem Biss. Da sind die Kroaten, die Krowoden, die einen vom Süden in den Norden lang gestreckten Hof bewohnen, wobei jeder Hof sich vom anderen unterscheidet und abgrenzt. Manche von ihnen sind Wurzelstecher: Mit den ausgegrabenen Wurzeln reisen sie in die Städte, um sie in Geld umzusetzen. Andere bauen in ihrer Assimilationswut die „deitsche Schanze“, über die ihre Kinder müssen, um eine Chance im Leben zu haben, während sie sich mit riesigen Bürsten den Akzent von der Zunge zu schrubben versuchen. In ein monumentales Magistrat zur Magyarisierung tritt man mit deutschem Namen, mit einem Stempel auf dem Hals und ungarischem Namen verlässt man es wieder.


In all dem Aberwitz, in all den bunten Szenen spürt man immer auch, wem die Anteilnahme des Autors gilt, die durch Onkel Freds Blick ins Burgenbürgerland kommt – den Subalternen, den sogenannten kleinen Leuten, die nicht nur klein sind, weil es die Großen so wollen, sondern auch weil sie akzeptieren, klein zu sein, es nicht anders wollen, bisweilen sogar wünschen. Der ungarische Béres, der Knecht par excellence, spricht unumwunden aus, dass zu viel Freiheit, ja Freiheit überhaupt den Menschen nicht gut bekomme. Das ist die Szene, in der Onkel Fred zum ersten und einzigen Mal weint. Sein Erfinder erzählt das merkwürdige Märchen des Landes von unten, anhand derer, die in eine Geschichte geworfen sind, die gnadenlos über sie hinwegzieht.

Himmelschreiend verzweifelt


Henryk Mossler, ein aus Polen stammender Maler, den es vor Langem ins, ja, Burgenbürgerland verschlagen hat, steuerte für dieses Buch 200 Aquarelle und Zeichnungen zur Geschichte der Grenzmenschen bei. Mossler illustriert die Geschichte nicht, er erzählt sie in der ihm eigenen Bildsprache noch einmal: bunt und derb, fantastisch surreal und überrealistisch, tiefkomisch und himmelschreiend verzweifelt. Hexen und Priester, Stimmfänger und Gott Pan, Tiere und Fabelwesen künden in ihrem Wahn, ihrer Geilheit, ihrem Zwinkern und Saufen, im Nasedrehen und Beinstellen von der Komödie der Vergeblichkeit und der Tragödie der Eitelkeit.


Nachdem er den Verfolgern nicht mehr entkommen konnte, lugt Onkel Fred als Purbacher Türke aus einem Schornstein. In dem verklärten, staunenden Blick, mit der roten Nase, die von den Stunden zuvor im Weinkeller erzählt, fängt Mossler jenes seltsame Glück im Augenblick ein, der bestimmt vergeht. Von unten kommt schon das Feuer, bloß der Blick in die Weite ist so schön. 

(Clemens Berger, "Die Presse" / Print-Ausgabe, 9.01.2010)