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DERSTANDARD, 21./22.11.2009
Peter Wagner – Der alte Onkel und sein Pinz
Essay von Siegmund Kleinl, 11.2009
Sein oder Design – das ist hier die Antwort
Zu Peter Wagners Roman Die Burgenbürger
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Pressestimmen 

Die Burgenbürger

Der Standard / 21./22. November 2009 

Peter Wagner
DER ALTE ONKEL UND SEIN PINZ 

Ein grotesk delikates Buch, das dem Märchen zurückgibt, was des Märchens ist: die schlichte Wahrheit

Die Sache mit der Identität ist eine ziemlich heikle Angelegenheit. Zwar tut man gerne so, als gäbe es tatsächlich sowas wie eine Einheit mit sich selbst. Beim näheren Hinschauen entpuppt sich die dann aber bald als eine etwas monströse Groteske, die kaum mehr ist als ein Sammelsurium launiger Aberwitzigkeiten, die gerade dann ein wenig ins Obszöne lappen, wenn die gewichtigsten Angelegenheiten zur Sprache kommen.


So gesehen, hat das neue Buch von Peter Wagner eine zwingende innere Logik, die sich davon nährt, dass ein gewisser Pinz Joe - das R muss er sich erst verdienen - einen gewissen "Herrn Doktor Onkel Fred" aufsucht, damit der ihm beibringt, "was Wesen und Identität der Burgenbürger angeht" . Mehr hat er nicht gebraucht, der Pinz Joe, der sich anschickt, der nächste Fürst des Burgenbürgerlandes zu werden. Der Herr Doktor Onkel Fred nimmt den kleinen Joe mit auf eine Tour d'horizon durchs große, heilige Burgenbürgerbuch. Und ab geht die Post, quer durch die Zeitläufte, an deren Ende dann das mit sich selbst identische Burgenbürgerland steht oder stehen sollte.


"Märchen" nennt Peter Wagner die 21 Abenteuer, welche die beiden unschwer zu identifizierenden Protagonisten zu bestehen haben. Aber man würde dem Buch schwer unrecht tun, es als Schelmenporträt des vom verstorbenen Altkanzler Sinowatz an der Hand genommenen Hans Niessl missverstehen zu wollen.

Den Grimmelshausen machen


Wagner macht dem burgenländischen Landeshauptmann mit diesem Buch sozusagen den Grimmelshausen. Als Simplicius Simplicissimus stolpert er durch die Geschichte des Burgenbürgerlandes, das bevölkert ist von grotesken Rabelais'schen Gestalten - vom käuflichen Gott Pan über den Riesen Henz bis hin zu jenem Esterházyfürsten, in den sich der irrlichternde Pinz Joe unerklärlicherweise verwandelt, worauf ihm die Verheiratung mit der hässlichsten Tochter der Maria Theresia droht, dem stinkerten Liserl.


Eine Romansatire nennt sich das Buch. Aber das greift auch ein wenig kurz, denn in den starken Momenten wächst die Geschichte weit über die Vorlage zu etwas Eigenem.
"Ein Volksbuch" , sagt Wagner, habe er schreiben wollen, ein Buch, das auch dem zur Unterhaltung dient, der wenig Augenmerk legt auf die Querverweise und die Anspielungen, die hämische Kritik und die süffisante Bloßstellung des modernen sozialdemokratischen Leerlaufs.


Das alles sind die Burgenbürger auch, aber eben nicht nur. Denn der Erzählgestus ist eben der des klassischen Märchens - dass sich da einer ein Achterl vom Eisenberg einschenkt, einen tiefen Schluck nimmt und zum Schwadronieren anfängt bis tief hinein in die Nacht. Das allerdings ist hohe Kunst. Denn so einfach, wie es hier hingeschrieben wird, ist es natürlich nicht. Es bedarf einigen handwerklichen Geschicks, den fabulierenden Ton nicht ins Plaudern ausfransen zu lassen, in dem dann die schönen Burlesken zu bloßen Gags werden, die der mächtig geschwänzte Operettendirektor über die Bühne sozusagen wunderbart.


"Die Satire" , sagt Wagner, "verlangt ungeheure Präzision." Und umfassende historische Kenntnis natürlich auch, denn sonst kann es passieren, dass einer wie Pinz Joe die längst schon erfundene Dampflokomotive erfindet - ein Wortbild, das fast Markenqualität hat, nicht nur fürs Burgenbürgerland.


Peter Wagners Buch ist im Hora-Verlag erschienen, einem Verlag, der vor Jahrzehnten schon mit Jaroslav Seifert oder Slavoj Žižek große Ambition gezeigt hat, zuletzt aber ein wenig eingeschlafen ist. Ein etwas verwunschener Verlag also, der nun mit einer neuen Reihe, der Edition Marlit, wachgeküsst werden soll.

 


Grundierende Aquarelle


Sollte Wagners Buch diesbezüglich etwas Programmatisches haben, darf man gespannt sein. Die Burgenbürger sind nämlich ein schönes, aufwändig gestaltetes Buch, zu dem Henryk Mossler 200 Aquarelle beigetragen hat, die Wagners Erzählton weniger illustrieren, sondern grundieren, und in denen man sich da und dort auch richtiggehend verlieren kann.

Mosslers Bilder nutzt Peter Wagner - der ja nicht bloß ein Schreiber, sondern auch ein Theatermann ist - ebenso zur Inszenierung seiner Lesungen. Am vergangenen Donnerstag geriet die Präsentation in der Osliper Cselley-Mühle zum theatralen Akt, in dem die Bilder eine nicht minder wichtige Rolle spielten wie die feine Musik jenes Ensembles, das sich sinnigerweise "Trio Burgenbürgerland" nennt. 

(Wolfgang Weisgram, ALBUM - DER STANDARD / Printausgabe, 21./22.11.2009)